Die Ulli von Reisiswil

 

Ueber die Herkunft der Ulli von Reisiswil kursieren mehrere Geschichten, die zumindest eines gemeinsam haben: Die Ulli sollen ursprünglich aus dem frankophonen Sprachraum stammen. Beschränken wir uns hier auf die glaubwürdigste These.

 


 

Wurzeln in  Yverdon 
Zwischen 1582 und 1594 liessen ein Heini Ullimi, Ulli oder Uly (die Schreibweise seines Namens variiert) und eine Barbli Schold oder Schalt in der Kirche Melchnau vier Kinder taufen. Der Taufrodel weist Heini Ullimi bei einem Eintrag als aus der Landvogtei Ifferden (Yverdon) stammend aus. 
Ulli sind in alten Dokumenten aus der Gegend Yverdon zwar keine zu finden, hingegen taucht in der kleinen Gemeinde Pomy aber häufig ein verwandter Name auf: Vuillemin („kleiner Wilhelm“). So liess beispielsweise am 14. April 1569 der Landvogt zu Yverdon, Niclaus Manuel, auf Geheiss der Berner Obrigkeit ein Verzeichnis der 100 Büchsenschützen in seinem Bezirk ausfertigen: darunter ist auch der Name Jacques Vuillemin von Pomier (heute Pomy) zu finden. 
 
Sehr naheliegend, dass ein "versprengter" Vuillemin" in die Kilchhöre Melchnau geraten war  und sich dort niederliess. Pfarrer und Schreiber im  deutschsprachigen Oberaargau  wussten damals nicht, wie der fremd klingende Name dieses "immigrierten" Vuillemin zu schreiben war und brachten diesen rein nach seinem Klang zu Papier - eben als Ullimi - und formten ihn schliesslich der Einfachheit halber in Ulli um. 

 



Schwierige Forschung 
Das seriöse Zuordnen nach Tauf- und Eherodeln  der Ulli-Generationen, die auf Heiri Ullimis Kinder folgten, ist aus zwei Gründen sehr schwierig: Zum einen waren die Ullis wahrscheinlich nicht immer in der Kirchgemeinde Melchnau sesshaft, "zigeunerten" in der Gegend herum, und ihre kirchlichen Feste wurden nicht immer lückenlos nach Melchnau gemeldet. Zum andern steigt mit der Popularität des Vornamens Ulrich, der über viele Jahrzehnte in den Büchern als Ulli geschrieben wurde, die Gefahr der Verwechslung, denn oft ist kaum auszumachen, ob der Vorname oder der Nachname gemeint ist. Mit dem gelegentlichen Auftauchen des Namens Uhlmann, der früher Ullme, Ullima usw. geschrieben wurde, erwächst eine weitere Verwechslungsmöglichkeit. 
Wie dem Schweizerischen Familiennamenbuch zu entnehmen ist, stand aber die Wiege aller in der Schweiz heimatberechtigten Ulli tatsächlich nur in Reisiswil. Einige „Abtrünnige“ erhielten erst im 20. Jahrhundert an andern Orten ein neues Heimatrecht. 

 


 

Mauserglauses und Schneiderglauses 
Heute lebt nur noch eine eingeheiratete Wittwe mit dem Namen Ulli in Reisiswil. Dabei waren die Ullis in früheren Zeiten in dem Bauerndorf so zahlreich, dass sie erst mit allerlei Zusatznamen auseinander gehalten werden konnten, die sich auf ihre berufliche Tätigkeiten bezogen: So kannte man die Mauserglauses (Nachkommen des Mausers Niklaus Ulli) sowie die Schneiderglauses (Nachkommen des Schneiders Niklaus Ulli). 
Viele Jahrzehnte war die Heimat der "Schneiderglauses" ein Bauernhof auf dem Gestell an der Anfahrt von Gondiswil nach Reisiswil. Seine Bewohner waren allesamt als Schneider, Weber oder Tuchfabrikanten in der Textilbranche tätig. Vielleicht rührt der Flurname Gestell von einer weither sichtbaren Einrichtung aus diesem Erwerbszweig her... 



 

Ein Brand 
Ein Nachfahre der Schneiderglauses gelangte durch geschickte Heirat mit einer "habligen" Leuenberger-Bauerstochter in den Besitz des Hofes auf dem Heinihubel. Doch unter dessen Dach gährten Missgunst, Rache und sogar Inzest zwischen Bruder und Schwester mit all ihren Folgen... 

 

Heinihubel

Das prächtige Bauerngut auf dem Heinihubel mit Speicher und Bienenhaus (um 1980)


Das währschafte Bauernhaus, das fünf Ulli-Generationen Zuhause und Auskommen geboten hatte, brannte 1986 völlig nieder. Die Bewohner konnten zwar sich und das Vieh retten, mussten hingegen alle Habseligkeiten im Feuer zurücklassen. Offizielle Brandursache: ein überhitzter Ofen!
Epidemische Ausmasse nahm hingegen die hinter vorgehaltener Hand geflüsterte "wahre" Brandursache von Reisiswil bis Melchnau an: Brandstiftung durch einen jugoslawischen Landarbeiter, der nach abgelehnter Lohnerhöhung und Kündigung dem Ullibauer mit Feuer gedroht hatte! 
Der neugebaute Hof auf dem Heinihubel trägt heute den treffenden Namen Neuhaus.